Donnerstag, 13. April 2017

Prostitution und Sklaverei - Wo kommt die Begrifflichkeit Abolitionismus eigentlich her?


New York 1909, Bain News Service photograph [Public domain], via Wikimedia Commons
Der Begriff „Abolition“ in Bezug auf die Prostitution ist entlehnt vom Kampf gegen die nordamerikanische Sklaverei in den 1800er Jahren. Die Prostitutions-Abolitionistinnen wollen damit auf die Parallelen zwischen beiden gesellschaftlichen Phänomenen aufmerksam machen, und sehen sich in der Tradition einer Bewegung, die die Ausbeutung von einer Menschengruppe durch eine andere beendet hat. Neben dem afrikanischen Sklavenhandel muss auch auf die Versklavung indigener Frauen durch die Kolonisatoren hingewiesen werden.

Während der transatlantische Sklavenhandel auf Rassismus beruhte, beruht die Prostitution auf Sexismus: In beiden Fällen fand/findet eine kulturell akzeptierte, ritualisierte Objektifizierung und Entmenschlichung durch Marginalisierung und Degradierung von Bevölkerungsgruppen statt. Die Kommodifizierung bemisst die versklavten Personen nach ihrem ökonomischen Nutzen und macht sie zu Objekten. Ein Zuhälter sagte: „Ich habe mir jene Mädchen geholt, die niemand vermisst. […] Es ist, als würde man ein Kilo Brot verkaufen.“

Unabhängig von ihrem Freiwilligkeitsgrad ist die prostituierte Frau keine Person, deren Persönlichkeit eine Rolle spielt, sondern sie dient als Projektionsfläche der Wünsche des Freiers – sie ist seine fleischgewordene Masturbationsfantasie.

Der Historiker Edward Baptist analysierte Briefe aus dem Jahr 1934 zwischen Sklavenhändlern und –käufern und fand Hinweise darauf, dass sexuelle Besitznahme von „mulattischen“ Frauen im Menschenhandel eine große Rolle spielte. Die Hautfarbe der Sklavinnen wurde in einer fetischisierten Detailliertheit katalogisiert, die sehr der Weise ähnelt, wie heute Freier in Freierforen die Details der Frauen, die sie benutzt haben, katalogisieren. Melissa Farley stellt die These auf, dass die Sklavenhändler des 19. Jahrhunderts ihre Ware mit hoher Wahrscheinlichkeit in einer ähnlichen Weise in Online-Katalogen präsentiert hätten, wie heute die Bordellbetreiber es tun, hätte es damals bereits das Internet gegeben

Frauen in der Prostitution werden reduziert auf ihre Körperöffnungen und ihre Körperattribute. Ihre Rolle besteht darin, das darzustellen, was der Freier in ihnen sehen möchte. Das entspricht der Rolle, die Sklaven im 19. Jahrhundert spielen mussten, die während der Auktionen das sagten, von dem sie glaubten, dass die Sklavenverkäufer und Sklavenhalter es hören wollten.

Donnerstag, 26. Januar 2017

Mythbusting: Durch das Nordische Modell haben sich die Verdienstmöglichkeiten in der Prostitution verschlechtert



Teil 2 einer Reihe zur Beleuchtung gängiger Mythen über das Nordische Modell

Die gängige Behauptung: 
Weniger Kunden bedeutet mehr Konkurrenzdruck der prostituierten Frauen untereinander und senkt damit die „Löhne“
  
Factcheck 

Wie die norwegische Evaluation von Vista Analyse zeigt haben sich durch eine Reduktion der Freier die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Prostitution in der Tat verschlechtert, was jedoch mit den Absichten des Gesetzes (Prostitution langfristig abzuschaffen) vollkommen übereinstimmt und folglich nicht als unbeabsichtigte Nebenwirkung angesehen werden kann. 

Die Kosten für MenschenhändlerInnen in Ländern in denen der Sexkauf unter Strafe steht sind im Vergleich zu Ländern mit legalisierten und liberalisierten Märkten höher, womit die Attraktivität Frauen in diese Länder zu verschicken sinkt. 

Wichtig ist es hierbei zu verstehen, dass eine Verkleinerung des Marktes zu einer Verkleinerung des Angebotes führt, dergestalt dass von den auf Profit orientierten organisierten Netzwerken weniger Personen für diesen Markt rekrutiert werden können.

Mittwoch, 25. Januar 2017

Mythbusting: Wenn man Sexkauf verbietet, wandert die Prostitution in den Untergrund



Teil 1 einer Reihe zur Beleuchtung gängiger Mythen über das Nordische Modell

Die gängige Behauptung: 
Prostitution in Schweden und Norwegen ist nicht zurückgegangen, sie hat sich nur räumlich verlagert 

Factcheck Schweden

In Schweden wurde das Sexkaufverbot 1999 eingeführt.

2008 - 2010 gab es eine Sonderuntersuchung  unter Leitung von Justizkanzlerin Anna Skarhed über die Wirkung des Sexkaufverbots. 

Hierfür wurden als ExpertInnen Polizei und Strafverfolgungsdienste, SozialarbeiterInnen, Organisationen der Zivilgesellschaft und Hilfsorganisationen, BehördenmitarbeiterInnen und andere befragt.

Der Abschlussbericht („Utvärdering av förbudet mot köp av sexuell tjänst“) kam zu folgendem Ergebnis:

-         Die Anzahl der in der Straßenprostitution tätigen Individuen hat sich seit 1999 halbiert.

-         In den Nachbarländern Dänemark und Norwegen sind dreimal so viele Individuen in der Straßenprostitution tätig.

-         Bedenken, die Prostitution könne sich in andere Bereiche verlagern, haben sich nicht bestätigt

-         Prostitution über das Internet hat in Schweden, wie in anderen Ländern auch, zugenommen. Dies ist nicht auf das Gesetz zurückzuführen, sondern auf Veränderungen im Bereich der Computer-Technologien

-         Die Anzahl der Individuen, die im Internet für Prostitution beworben werden, ist in vergleichbaren Nachbarländern wie Dänemark oder Norwegen sehr viel höher

-         Es gibt keine Zunahme an Wohnungsprostitution oder eine Verlagerung in einen „Untergrund´"

-         Eine Zunahme der Prostitution wie  in den schwedischen Nachbarländern ist für Schweden nicht feststellbar

-          2008 gaben 7,8% der schwedischen Männer an jemanden zum Zweck der Prostitution bezahlt zu haben, verglichen mit 13,6% vor der Gesetzgebung


2014 erschien ein Bericht herausgegeben vom Nationalen Gesundheits- und Wohlfahrtsamt („Prostitutionen i Sverige 2014: En omfattningskartläggning“), der sich auf Umfang und Ausmaß der Prostitution in Schweden konzentrierte. Dieser wurde wegen seiner Methodik heftig kritisiert. Daraufhin wurde eine neue Kartographie beauftragt.

Montag, 21. November 2016

Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

Von Michael Rose - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0
Vielleicht haben wir etwas verpasst. Die momentan noch im Netz verfügbare Ausgabe des Grundgesetzes und meine eigene neue Ausgabe, von der ich dachte, sie sei gültig, enthalten als Artikel 3, Absatz 2, Satz 2 folgenden Passus:

Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

An sich ziemlich klar.

Aber offenbar stellt dieser Satz keine verbindliche Rechtsnorm dar, oder er wurde in den letzten 15 Jahren durch folgenden ersetzt:

Der Staat trägt dazu bei, Nachteile bei Geschlechterasymmetrien zumindest teilweise zu kompensieren.

Das reicht offenbar als staatlicher Auftrag im Zusammenhang mit der extrem geschlechtsspezifischen Ausprägung der Prostitution. Es genügt, dazu beizutragen, Nachteile zumindest teilweise zu kompensieren.


Donnerstag, 17. November 2016

Prostituiertenmorde in Deutschland: keine singulären Ereignisse – Wo bleibt der Skandal?


CCO - Public Domain - Pixabay
Pressemittelung von Abolition 2014 (press release, for english version scroll down)

Das Bündnis Abolition 2014 trauert um die vier Frauen, die innerhalb von nur 35 Tagen in der deutschen Prostitution - in Niedersachsen, in Nordhein-Westfalen und in Sachsen - getötet wurden: Zwei Ungarinnen, eine Dominikanerin und eine nicht näher bezeichnete prostituierte Frau wurden entweder brutal ermordet oder fielen einem Bordellbrand zum Opfer. Diese Frauen reihen sich ein in die lange Liste von Frauen (und Transfrauen), die international das System Prostitution nicht überleben. Viele Menschen aus der ganzen Welt nahmen und nehmen über die von deutschen Aktivistinnen betriebene Webseite www.sexindustry-kills.de und die dazugehörige Facebookseite Anteil an den Schicksalen dieser Frauen, von denen die Öffentlichkeit oft nicht mal den Namen und das Alter, geschweige denn die traurigen Geschichten, die sie in die Prostitution und die sexuelle Ausbeutung in unserer Mitte geführt haben, erfährt. Fast immer bleiben sie gesichtslose, anonyme Opfer einer milliardenschweren Sexindustrie, deren größte Sorge der Frage gilt, wie sie sich absichern kann und den größten Profit aus den von ihr den Käufern angebotenen Frauen, Kindern und jungen Männern herausschlagen kann.

Dienstag, 8. November 2016

Frauengedenken in Mauthausen

Der nachfolgende Beitrag der Autorin Elfie Resch wurde in der Krampfader - Kasseler FrauenLesbenzeitschrift, veröffentlicht.  Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Krampfader-Redaktion.

Sie sitzt auf der Band vor ihrem Haus und wartet auf die Mitfahrgelegenheit zur Gedenkveranstaltung nach Mauthausen.
Seit etwa 10 Jahren fuhr sie nicht mehr mit dem Bus, der vom Bezirk organisiert wird.

Damals war sie einer Gruppe junger Frauen begegnet, die vor der Bordellbaracke einen Kraz niederlegten. Zum ersten Mal in all den Jahren wurde der Frauen gedacht, die in der Hoffnung hierher gekommen waren, durch eine kurze Zeit im Bordell, ihre Freiheit wieder zu erlangen.

Interview mit Huschke Mau

Soledad Cartagena von der schwedischen Internetzeitung Feministiskt Perspektiv hat die deutsche Prostitutionsüberlebende Huschke Mau interviewt

Warum hast du den Brief “Ich habe die Schnauze voll von Euch” geschrieben?

Ich habe den Brief geschrieben, als ich ein Interview mit ihr las, in dem sie [Stefanie Klee] schrieb das einzige traumatisierende an der Prostitution sei die Stigmatisierung, beginnend ab dem Moment an dem sie das Bordell verlasse. Es war so unglaublich zynisch und menschenverachtend, wie sie die Tatsachen verdreht und Prostitution als etwas dargestellt hat, das nicht schädigend ist. In Deutschland ist es schwer, als ehemalige Prostituierte zu sprechen. Das gesellschaftliche Klima ist unglaublich feindlich. Männer glauben immer noch, sie hätten ein Recht auf Sex. Dass Sex sich nicht von dem Körper, von dem Menschen trennen lässt, wird ausgeblendet. In Deutschland zu sagen, wie es wirklich ist, sich zu prostituieren, ist schwer. Man wird angegriffen, beleidigt, verhöhnt und erlebt schwere Verletzungen durch die abwertenden Kommentare. Ich wurde sogar schon von Menschen darüber belehrt, was meine Erfahrungen in der „Sexarbeit“ zu sein haben, und wenn sie nicht positiv sind, läge es an mir. Ich wurde auch schon gefragt: „Wenn du keinen Sex magst, warum bist du dann Sexarbeiterin geworden? Schön doof!“ oder es wurde behauptet, ich hätte mir das alles ausgedacht. Weil das gesellschaftliche Klima in Deutschland so pro Prostitution ist, habe ich lange geschwiegen. Aber als ich das Interview mit Stephanie Klee gelesen habe (die von der Pro-Prostitutionslobby kommt, eine eigene Agentur besitzt und sich jetzt auf „Sexualassistenz Behinderter spezialisiert hat) ist irgendetwas in mir geplatzt. Ich war einfach zu wütend! All diese Behauptungen sorgen dafür, dass sich die Realität hunderttausender prostituierter Frauen in Deutschland nicht ändert und dass sie weiter in diesem Sumpf stecken, in dem sie missbraucht werden und ihnen keiner glaubt, was sie erleben!